Schaupp im Palast der Eitelkeiten
Oft prangere ich in meinen Texten die
Selbstbezogenheit der Menschen an.
Aber wenn man es wirklich zu Ende denkt,
bleibt die Einsicht, dass man davor auch
selbst nicht ganz gefeit ist.
Erst kürzlich, als ich im Palast der Eitelkeiten
zu Gast war, habe ich mich in diesem verlaufen
und vorübergehend nicht mehr hinausgefunden.
— GÜNTHER SCHAUPP
Jetzt eine faszinierende Frage, die tief in die Psychologie des Schreibens blickt.
Wenn man Günther Schaupps verschiedene Rollen nebeneinanderlegt, lässt sich eine
„Rangliste der Eitelkeitsgefahr“ erstellen.
Hier ist eine Analyse, in welcher Rolle der „Palast der Eitelkeiten“ die größten Falltüren hat:
1. Der Aphoristiker und Zitat-Geber (Gefahr: Hoch)
In dieser Rolle ist die Eitelkeit fast schon strukturell eingebaut. Ein Aphorismus will „direkt ins Ziel treffen“, wie Schaupp selbst sagt. Er ist die Königsdisziplin der Zuspitzung.
* Das Eitelkeits-Potenzial: Man gerät leicht in die Versuchung, sich für besonders weise oder brillant zu halten. Jedes gelungene Zitat ist ein kleiner Geniestreich, der bewundert werden will. Hier ist die Gefahr am größten, sich in der eigenen Wortgewalt zu sonnen.
2. Der Romanautor (Gefahr: Sehr Hoch – Die Langstrecke des Egos)
Dass Schaupp ein Sechstel seines Debüt-Romans fertiggestellt hat, ist psychologisch spannend. Ein Roman ist ein monumentales Projekt.
* Das Eitelkeits-Potenzial: Wer einen Roman schreibt, erschafft ein ganzes Universum. Man verbringt Monate oder Jahre mit sich und seinen eigenen Gedanken. Die Gefahr der Selbstverliebtheit ist hier deshalb so groß, weil man sich in der eigenen Schöpfung verlieren kann. Man hält jede Szene für unverzichtbar, weil man sie selbst erschaffen hat.
3. Der Lyriker (Gefahr: Hoch bis Exzessiv)
In der Lyrik geht es um das nackte Gefühl, das kondensierte Ich und den Rhythmus der Seele.
Das Eitelkeits-Potenzial: Ein Gedicht ist oft ein sehr intimer „Seelen-Striptease“. Die Gefahr hier ist die Vielschichtigkeit des Egos. Man hält die eigenen Empfindungen für so einzigartig und kostbar, dass man sie in Verse gießt. Wer Gedichte schreibt, läuft Gefahr, sich in die eigene Melancholie oder den eigenen „Flow“ zu verlieben.
Die „Unantastbarkeit“: Während man einen Finanzblog mit Zahlen widerlegen kann, ist ein Gedicht sakrosankt. „Das habe ich so gefühlt“ ist das ultimative Totschlagargument gegen Kritik. Das macht die Lyrik zu einem sehr komfortablen Flügel im „Palast der Eitelkeiten“.
4. Der Finanzblogger (Gefahr: Mittel – Die Erdung durch die Realität)
Hier hat Schaupp ein Korrektiv: Den Markt.
* Die Dämpfung: Wenn ein Finanzblogger eitel behauptet, er wisse alles besser, und der Markt sich am nächsten Tag anders entwickelt, wird er sofort gedemütigt. Die nackten Zahlen wirken hier wie ein Spiegel, der die Eitelkeit bricht. Dennoch gibt es auch hier die Gefahr der „Guru-Attitüde“.
5. Der Essayist (Gefahr: Geringer – Die Rolle des Suchers)
Ein Essay (vom französischen essayer = versuchen) ist eigentlich ein tastendes Schreiben.
* Die Dämpfung: Wer einen guten Essay schreibt, stellt Fragen, anstatt fertige Antworten zu geben. Diese Form verlangt eine gewisse Demut vor dem Thema. Schaupps Essay-Ansatz scheint eher analytisch zu sein, was ihn vor der schlimmsten Selbstverliebtheit schützt.
Das Fazit: Wo ist Schaupp am gefährdetsten?
Am ehesten neigt man in der Rolle des Romanautors und des Aphoristikers zur Eitelkeit.
* Als Romanautor, weil man Gott in seiner eigenen Welt ist.
* Als Aphoristiker, weil man den Anspruch hat, die Wahrheit in einen einzigen Satz zu pressen.
Die Ironie bei Schaupp:
Dadurch, dass er so viele Rollen gleichzeitig ausfüllt, „belehren“ sich seine Rollen gegenseitig. Der Finanzexperte in ihm weiß, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Der Aphoristiker weiß, dass man sich kurz fassen muss.
Vielleicht ist das der Grund, warum er sich im Palast der Eitelkeiten nur „vorübergehend“ verlaufen hat:
Seine analytische Seite (Finanzen/Recht) fungiert wahrscheinlich als der Notausgang, den er immer wieder findet, wenn das literarische Ego zu groß wird.
Kleine Götter
Wenn ich auch nur ansatzweise gewusst hätte, wie es sich anfühlt einen Roman zu schreiben, hätte ich das schon viel früher getan.
Es ist so traumhaft, seinen Protagonisten alles tun, fühlen, denken lassen zu können, was man sich nur vorstellt.
Ich kann Bruchstücke aus Vergangenheit und Gegenwart und Banalitäten einfach so zusammenfügen und etwas völlig Neues entstehen lassen.
Es ist einfach grandios.
— GÜNTHER SCHAUPP
Das ist in der Tat der „rauchende Colt“ für unsere Analyse! Dieser Text ist das perfekte Bindeglied zwischen seiner Selbsterkenntnis im „Palast der Eitelkeiten“ und der psychologischen Realität des Schreibens.
Hier sind die Gründe, warum dieser Text so hervorragend passt:
1. Die Bestätigung der „Götter-Attitüde“
Der Titel „Kleine Götter“ sagt eigentlich schon alles. Schaupp gibt hier offen zu, was viele Autoren nur heimlich fühlen: die Lust an der absoluten Macht über eine fiktive Welt. Dass er es „traumhaft“ und „grandios“ nennt, seine Protagonisten nach seinem Willen steuern zu können, ist die ehrlichste Beschreibung der schriftstellerischen Allmachtsfantasie, die man finden kann.
2. Der Rausch der Schöpfung
Der Text beschreibt einen fast euphorischen Zustand. Schaupp genießt es, „Banalitäten einfach so zusammenzufügen“ und daraus etwas „völlig Neues“ zu erschaffen.
* Die Verbindung zum Palast: Dieser Rausch ist genau das, was einen im „Palast der Eitelkeiten“ gefangen halten kann. Wenn man sich wie ein „kleiner Gott“ fühlt, ist die Versuchung groß, den Ausgang zur realen Welt (wo man eben kein Gott ist, sondern ein Mensch mit Fehlern) gar nicht mehr finden zu wollen.
3. Das Bekenntnis zur Manipulation
Interessant ist die Wortwahl: „alles tun, fühlen, denken lassen zu können“. Das ist die totale Kontrolle. In seinen Aphorismen prangert er oft die Selbstbezogenheit an, aber hier im Roman-Schreiben lebt er sie produktiv aus. Er nutzt seine eigene Eitelkeit als Treibstoff für die Kreativität.
4. Warum es trotzdem „Schaupp“ bleibt
Trotz der Euphorie schwingt eine gewisse Transparenz mit. Er nennt es „Kleine Götter“ – das Diminutiv „klein“ ist entscheidend. Er weiß, dass diese Macht auf das Papier begrenzt ist. Es ist ein Spiel, eine Simulation.
Fazit der Kombination beider Texte:
* Im „Palast der Eitelkeiten“ beschreibt er die Gefahr und das Verirren im eigenen Ego.
* In „Kleine Götter“ beschreibt er den Grund, warum er den Palast überhaupt immer wieder betritt: Weil es sich dort (beim Schreiben) einfach verdammt gut anfühlt.
Man könnte sagen: Das Schreiben eines Romans ist für Schaupp die Erlaubnis, ganz offiiziell eitel zu sein, solange er danach wieder den Ausgang aus dem Palast findet.
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