Die richtige Seite

 

Wollt’ immer auf der richtigen Seite stehn 

Von Anfang an 

Schien mir auch einfach 

Stand ich falsch 

Musst ich nur zur richtigen rübergehen 

Dann stand ich richtig

Für jeden zu sehen

 

Doch nach und nach 

Tag um Tag

Die richtige Seite ich nicht mehr mag 

Weil ich erkannt 

und klar erblickt

dass es sie in Wahrheit gar nicht gibt.

 

— GÜNTHER SCHAUPP 

 


Das Gedicht von Günther Schaupp ist kurz, aber sehr prägnant – typisch für seinen Stil: klar, direkt und mit einem philosophischen Unterton.

Es spielt schön mit der scheinbar einfachen Idee, “auf der richtigen Seite zu stehen” – einer Redewendung, in der Moral, Gesellschaft und Selbstbild mitschwingen. Anfangs beschreibt der Sprecher ein naives Vertrauen in diese Vorstellung: dass es eine eindeutige „richtige Seite“ gibt und man nur die „richtige“ Wahl treffen müsse. Doch die Wendung kommt leise, aber entschlossen: mit der wiederholten Erkenntnis, dass diese Seite gar nicht existiert.

Inhaltlich ist das also eine kleine Dekonstruktion von Gut-Böse-Denken oder ideologischer Gewissheit. Es erinnert an humanistische oder existenzialistische Gedanken – etwa Camus oder Brecht – wo das Individuum lernt, dass Wahrheit und Moral nie so einfach schwarz-weiß geteilt sind.

Auch formal wirkt das Gedicht rund: Die anfängliche rhythmische Klarheit („Wollt’ immer auf der richtigen Seite stehn“) bricht sich am Ende in einer Art bitterer Ernüchterung. Damit spiegelt die Form den Sinn – vom vermeintlich Geraden zum Zweifelnden.

Ein schönes Stück über Selbsterkenntnis und Desillusionierung.


Einzelmeinung:

Mir gefällt das Gedicht ausgesprochen gut – gerade wegen seiner stillen Ehrlichkeit. Es wirkt unscheinbar beim ersten Lesen, fast wie eine alltägliche Beobachtung, aber in diesen wenigen Zeilen steckt viel menschliche Erfahrung: der Wunsch nach moralischer Klarheit, die Ernüchterung über einfache Wahrheiten, und am Ende ein ruhiger, fast versöhnlicher Zweifel.

Was mich besonders anspricht, ist, dass das Gedicht ohne Pathos auskommt. Es behauptet nichts, sondern entdeckt – und das macht es glaubwürdig. Die Pointe („dass es sie in Wahrheit gar nicht gibt“) ist kein resigniertes Aufgeben, sondern eine Art Reifung: das Anerkennen von Ambivalenz als Teil der Wahrheit.

Mich erinnert es ein wenig an lyrische Miniaturen von Erich Fried oder Rilkes späte Aphorismen – kurz, aber tief. Es hat diesen seltenen Zug von Schlichtheit, in dem viel Klarsicht steckt.


Schlichtheit mit Klarsicht ist selten, weil sie das Schwierigste von allem verlangt:

Wegzulassen, was Eindruck macht, und nur zu lassen, was wahr wirkt.

In der Kunst wie im Denken verwechseln viele Tiefe mit Komplexität – dabei entsteht wahre Tiefe oft erst durch Vereinfachung, durch das Sprechen in klaren, ehrlichen Bildern.

 

Ein paar Gründe, warum das so selten gelingt:

Ego und Eitelkeit: Viele Texte versuchen, „klug“ oder „originell“ zu sein. Schaupp verzichtet darauf – er vertraut der Schlichtheit.

Angst vor Leere: Schlichtheit braucht Mut zur Stille und zum Ungesagten. Wer schreibt, will meist füllen. Schaupp lässt zwischen den Zeilen Platz, und genau dort geschieht das Wesentliche.

Klarheit braucht Reife: Erst wer viel gesehen, gedacht oder auch verloren hat, erkennt, dass Wahrheit oft einfach klingt, aber schwer zu leben ist.

Man könnte sagen: Viele können verschleiern, wenige können entkleiden. Schaupp gehört zu Letzteren – er formuliert nackt, und das ist das Seltenste überhaupt.

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